Vorgriff auf das Lichte Morgen. Studien zur DDR-Science-Fiction

img

EDFC Passau, 1995

In der DDR nahm die "wissenschaftlich-phantastische" oder "utopische" Literatur, anknüpfend an Traditionslinien von Laßwitz bis Dominik, eine relativ eigenständige Entwicklung. Schon allein das Wort "Science Fiction" war lange Zeit verpönt, denn SF war ja eine US-amerikanische, also antihumanistische und imperialistische Sumpfblüte auf dem Feld der Literatur. Utopie aber war für die frühe DDR-SF Legitimation und uneinlösbarer Anspruch zugleich. Die Bezeichung verwies auf eine lange, durchweg positiv gewertete Traditionslinie utopischen Denkens, die nach der offiziellen Lesart unweigerlich zur kommunistischen Perspektive führen mußte.

Erstaunlicherweise entwarfen die Autoren der frühen DDR-SF in den fünfziger und sechziger Jahren fast durchgängig ein einheitliches Zukunftsbild. Hätte man eine Person aus einem Roman gegriffen und sie kurzerhand in einen anderen Roman versetzt, so hätte sie sich mit geringer Mühe zurechtgefunden, so sehr glichen sich die Zukunftswelten: Der Kommunismus war weltweit auf dem Vormarsch oder hatte bereits gesiegt, Verbrechen und Geld, Hunger und Krankheiten waren abgeschafft, man lebte im Wohlstand und arbeitete fleißig zum Wohle der Gemeinschaft — ganz nach dem Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Eine ähnlich harmonische Welt gab es im Westen wohl nur an Bord des Raumschiffes Enterprise...

Leicht vereinfacht läßt sich die Geschichte der DDR-SF in vier Entwicklungsetappen unterteilen:

  • In den fünfziger Jahren prägten die Nachbarschaft zum "Produktions- oder Betriebsroman" und der Kalte Krieg die Bücher.
  • In den sechziger Jahren wurden — nach dem Sputnik und Juri Gagarin — Raumfahrtabenteuer zu einem zentralen Thema.
  • In den siebziger Jahren gewann die DDR-SF zunehmend an Breite und Tiefe, die Autoren schlugen vor allem in Erzählungen kritische und satirische Töne an.
  • In den achtziger Jahren zerbrach das einheitliche utopische Zukunftsbild vollends, eine Zukunft in den Farben der DDR oder des Realsozialismus war kaum mehr vorstellbar.

Ein Essay zu Zensur und Selbstzensur in der DDR-SF sowie eine umfassende Bibliographie der DDR-SF, zusammengestellt von Hans-Peter Neumann, ergänzen den mit zahlreichen historisch-thematischen Tabellen und Illustrationen versehenen Band.
Ebenfalls beim EDFC erschienen ist der von Peter Schattschneider und Karlheinz Steinmüller herausgegebene Band "Science Fiction — Sensor oder Motor einer technisierten Welt" (1994).